Dr. Gérard Bökenkamp
Frauenpolitik in der Kollektivismusfalle: Jeder ist seines Glückes Schmied. Warum es keinen Geschlechterkampf gibt
Geschlechter kann man nicht gleichstellen, ebenso wenig wie Klassen, Rassen, oder Religionen, man kann nur Individuen
gleichstellen. Wenn Individuen vor dem Recht gleich sind, also für alle dieselben Gesetze gelten, dann ist die Gleichstellung
erreicht. Wenn es in den deutschen Gesetzen, in den Verordnungen, Regelungen gibt, die Frauen verbieten, was sie Männern
erlauben oder umgekehrt, dann sollte dies schnellst möglich geändert werden. Wenn das aber nicht der Fall ist, lässt sich
feststellen, dass die Gleichstellung ihr Ziel erreicht hat und darüber hinausgehende Maßnahmen von Seiten des Staates
nicht notwendig sind. Das Gesetz garantiert die Freiheit etwas tun zu dürfen, aber nicht, dass man es tatsächlich umsetzen
kann. Es gilt, wenn die Rechte des Individuums gewahrt sind, dann sind die Rechte der Gruppe auch gewahrt. Welche
statistische Verteilung sich dann zwischen verschiedenen Gruppen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft einstellt,
ist für die Beurteilung der ethischen Legitimität eines Zustandes irrelevant. Denn auf dem freien Markt konkurrieren nicht
Geschlechter miteinander, sondern Individuen.
Frau Müller konkurriert um den Aufsichtsratsposten mit Herrn Mayer und nicht die Frauen dieser Welt mit den Männern dieser
Welt. Frau Müller ist möglicherweise Katholikin und Herr Meyer ist Protestant. Wenn sich Herr Meyer gegenüber Frau Müller
durchsetzt, dann ist das ebenso wenig ein Erfolg des männlichen Geschlechts gegenüber dem weiblichen Geschlecht, wie der
Erfolg von Frau Müller ein Triumph des Katholizismus gegenüber dem Protestantismus wäre. Wenn Frau Müller den Posten
bekommt, dann könnte man das als Akt der Emanzipation werten. Ebenso ist aber auch möglich, dass sich im Unternehmen
herumgesprochen hat, dass Herr Meyer in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt und sie lieber eine heterosexuelle
Katholikin als einen schwulen Protestanten im Aufsichtsrat haben möchten. Dann wäre es kein Akt der Emanzipation, sondern
ein Akt der Diskriminierung. Wenn Herr Meyer hingegen Miller heißt und den Posten bekommt, könnte man es als Sieg der
Amerikanisierung der deutschen Wirtschaft deuten, wenn er den Posten nicht bekommt und Mandelbaum heißt, könnte man es
hingegen auch als Ausdruck latenten Antiseminismus werten usw. Wie viele Muslime gibt es eigentlich in deutschen
Unternehmensvorständen und wie viele Ostdeutsche? Der Einführung der Frauenquote wird der Ruf nach einer Quote für
Migranten, für Ostdeutsche, Behinderte usw. folgen. Wenn man einmal damit anfängt, kommt man aus der Kollektivismusfalle
nicht wieder heraus.
In dieser Falle sind Feminismus und Frauenpolitik schon längst gefangen. Die so genannte Frauen- und Gleichstellungspolitik
geht implizit davon aus, dass Frauen homogene, kollektive Interessen haben und dass Männer homogene, kollektive Interessen
haben. Die Frauenpolitik sieht sich als politischen Anwalt dieser homogenen, kollektiven Interessen „DER Frauen“. Es ist
ganz offensichtlich, dass Feministinnen häufig ihr eigenes Mantra nicht ernst nehmen. Denn diese genannten Annahmen stehen
im Grunde in einem krassen Gegensatz zu allem, was Feministinnen seit Jahrzehnten predigen. Feministinnen behaupten, das
Geschlecht sei eine soziale Konstruktion, es gäbe eigentlich gar keine biologische, essentielle Substanz, die das Geschlecht
konstituieren würde. Das hindert sie aber nicht daran, bei Bedarf selbst fröhlich drauf los zu konstruieren. Denn wenn das
tatsächlich so wäre, dass es Frauen und Männer eigentlich gar nicht gibt, sondern diese nur soziale Konstrukte sind, wenn
Geschlecht wählbar ist, wie das in der extremen Gender-Theorie postuliert wird, wie kann es dann Frauenpolitik,
Frauenquoten, Frauensolidarität geben? Sobald es aber darum geht, Frauenpolitik zu machen, werden all diese Einwände über
Bord geworfen und dann heißt es, DIE Frauen wollen dies, DIE Männer tun das. Dies ist ein Erfolg für DIE Frau und jenes sei
auch gut für DIE Männer. DIE Frauen müssten mehr Selbstbewusstsein haben, DIE Männer müssten mehr zurückstecken... usw.
Alles verallgemeinernde Aussagen, die im Grunde nichts anderes sind als aufgeputzte Geschlechterklischees, die
Feministinnen wie Judith Butler und viele andere angeblich zu dekonstruieren suchten.
Was haben Feminismus, Nationalismus und Sozialismus gemeinsam? Im Kern beruhen sie auf dem Mythos eines Kollektivs und einer
auf diesen Mythos bezogenen Solidaritätsnorm. Der Nationalist möchte, dass sich alle Angehörigen einer Nation aufgrund ihrer
nationalen Zugehörigkeit solidarisch fühlen. Der Arbeiter mit dem Unternehmer, der Protestant mit dem Katholiken, der Bayer
mit dem Preußen oder in Frankreich der Bretone mit dem Pariser. Alle anderen Interessen und Konflikte innerhalb der Nation
werden kleingeredet oder als Ausdruck falschen Bewußtseins gesehen. So ist es auch beim marxistisch geprägten Sozialismus.
Der Arbeiter in Marseille soll sich mit dem Arbeiter in Ruhrgebiet und dem Arbeiter in Sant Petersburg oder auf Haiti
solidarisch fühlen. Sie alle sollen im Rahmen der internationalen Solidarität an einem Strang ziehen. So ist es auch mit dem
Feminismus. Auch der Feminismus konstruiert eine mythische Gemeinschaft, nämlich die Gemeinschaft aller Frauen. Alle Frauen
sollen sich solidarisch fühlen und an dem großen Projekt der Emanzipation mitarbeiten und dafür Opfer bringen. Wenn eine
Frau Kanzlerin wird, dann ist das der Erfolg aller Frauen, wenn eine kleine Zahl von Spitzenverdienerinnen in die
Unternehmensvorstände wollen, dann soll das alle Frauen angehen. Beklagt wird von Feministinnen immer wieder die mangelnde
weibliche Solidarität, so als sei es das selbstverständlichste von der Welt, dass sich eine Frau, nur weil sie dasselbe
Geschlecht hat, mit anderen Frauen solidarisch fühlen muss.
Frauensolidarität ist Unsinn, genauso wie Männersolidarität Unsinn ist. Eine Frau hat keinen Grund, sich gegenüber einer
anderen Frau mit anderem Lebensstil, anderen Werten, anderen Interessen, die sie gar nicht kennt, solidarisch zu fühlen.
Was hat denn die Verkäuferin im Supermarkt mit der Aufsichtsrätin eines Dax-Unternehmens zu schaffen? Warum sollte sich eine
Kommunistin darüber freuen, dass Margaret Thatcher Premierministerin geworden ist, warum sollte sich eine Unternehmerin für
den Wahlerfolg einer Sozialistin begeistern? Die große Mehrheit der Frauen fühlt sich ihrem Sohn gegenüber loyaler als
gegenüber ihrer Schwiegertochter, sie ist loyaler gegenüber ihrem Partner als gegenüber ihrer Kollegin. Umgekehrt
interessiert sich ein Vater eher für die Perspektiven seiner Tochter als für die Perspektiven des Nachbarjungen. Niemand
kann für sich in Anspruch nehmen, die Interessen DER Männer oder DER Frauen zu vertreten, denn diese homogenen Gruppen gibt
es tatsächlich nicht, ganz unabhängig davon, welche Bedeutung die biologische Veranlagung hat. Biologie ist kein Konstrukt,
die Annahme, dass aus biologischen oder kulturellen Gemeinsamkeiten eine Solidaritätsnorm abzuleiten ist, der sich alle, die
diese Eigenschaften teilen, unterordnen müssen, offensichtlich schon. Von den Anliegen DER Frauen und DER Männern auszugehen,
ist eine krasse Simplifizierung oder reine Ideologie.
Wir teilen biologische und kulturelle Gemeinsamkeiten mit den verschiedensten Gruppen. Je nachdem, ob wir nach Geschlecht,
Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit, religiöser oder politischer Überzeugung gehen, teilen wir andere Überschneidungen.
Aus jeder dieser Zugehörigkeiten wurden schon einmal konkrete politische Forderungen in Namen dieser Gruppe abgeleitet –
meistens von Personen, die von dieser Gruppe nie dazu ermächtigt wurden. Rothaarige etwa haben genetische Gemeinsamkeiten,
also Gene, die dafür sorgen, dass sie rote Haare und oft auch Sommersprossen haben. Man könnte also zum Beispiel alle
Rothaarigen dieser Welt für diskriminiert erklären. Man würde feststellen, dass Führungspositionen selten von Rothaarigen
ausgeübt werden und dann eine Liga zur Förderung der Rothaarigen bilden. Diese Idee wird zum Beispiel in der
Zeichentrickserie Southpark aufgegriffen. Der Schüler Eric Cartman, der charismatische Widerling der Serie, ist Opfer eines
bösen Streichs geworden. Nachdem er selbst Rothaarige diskriminiert hat, haben ihn seine Mitschüler die Haare gefärbt und
ihn glauben gemacht, er sei selbst ein Rothaariger. Verbittert darüber nutzt Cartman seine destruktive Energie, um eine
Vereinigung von Rothaarigen zu gründen und gegen alle Nichtrothaarigen zu agitieren, die angeblich die Rothaarigen schon
seit Jahrhunderten unterdrücken. Die eigentliche Krone der Schöpfung seien aber die Rothaarigen. Schließlich geht er soweit,
die Verfolgung aller Nichtrothaarigen zu inszenieren, bis ihm klar wird, dass er selbst gar nicht rothaarig ist und sich
deshalb auch in Gefahr befindet. Darauf hin verändert er seine Haltung radikal und ruft zu Liebe und Toleranz zwischen
Rothaarigen und Nichtrothaarigen auf.
Man kann sich nun darüber streiten, welche Eigenschaften genau zu wie viel Prozent genetisch anerzogen sind und welche
Eigenschaften kulturell bedingt sind. Das ist wissenschaftlich sehr interessant und wird weiter verfolgt werden, politisch
kommt es darauf aber gar nicht an. Jeder Mensch ist seines Glückes Schmied. In einer freien Gesellschaft hat jeder das Recht,
mit dem Einsatz seiner Fähigkeiten unter der Wahrung der Rechte anderer, das zu verwirklichen, was ihm erstrebenswert
erscheint. Ob dies aus biologischen oder kulturellen oder rein individuell biographischen Gründen geschieht, ist dabei
zweitrangig. Das Recht auf das Streben nach Glück heißt allerdings nicht, dass es eine staatlich garantierte Glücksgarantie
gibt. Jeder Einzelne hat das Recht zu entscheiden, ob er sich für eine Karriere engagieren möchte oder ob er Kinder möchte
oder beides. Einen Anspruch darauf, Karriere zu machen, Kinder zu haben oder beides gleichzeitig zu verwirklichen, den gibt
es nicht. Ich kann versuchen, meiner Veranlagung entsprechen zu handeln, ich kann aber auch gegen meine Veranlagung handeln.
In einer freien Gesellschaft begrenzt die Veranlagung den persönlichen Entscheidungsspielraum nicht durch obligatorische
Gesetzesnormen. Wenn ich unmusikalisch bin, darf mich niemand daran hindern, Musiker zu werden, ich sollte aber nicht
fordern, dass ich die erste Geige bei den Berliner Philharmonikern spielen soll. Ich kann mich dafür entscheiden, meine Begabung zu
nutzen, um Bücher zu schreiben, ich darf aber den Staat nicht dazu veranlassen, meine Bücher aufzukaufen, wenn andere sie
nicht wollen.
Die Summe freier Entscheidungen kann natürlich zu statistischen Ungleichmäßigkeiten führen. Es wäre extrem merkwürdig, wenn
sich ohne zentrale Planung, nur als Ergebnis individuellen Handelns, in jedem Bereich der Gesellschaft eine genaue
statistisch repräsentative Abbildung der Gesamtgesellschaft ergeben würde. Vielleicht gibt es im Gemüsehandel mehr Türken
als in anderen Branchen, in der Modebranche überdurchschnittlich viele Homosexuelle, unter Kulturjournalisten
überdurchschnittlich viele Anhänger von Rotgrün und unter Wirtschaftsjournalisten überdurchschnittlich viele Liberale, an
den Universitäten in den USA studieren überdurchschnittlich viele asiatische Studenten, unter den Offizieren der Bundeswehr
gibt es wohl überdurchschnittlich viele Adlige, unter Lehrern und Erziehern gibt es überdurchschnittlich viele Frauen, unter
Spitzensportlern überdurchschnittlich viele Afroamerikaner … so what? Alles nur Verschwörung? Alles nur Diskriminierung? Oder
viel eher Kopplungseffekte, unterschiedliche Präferenzen, unterschiedliche Wertvorstellungen, Ideale usw.
Es ist schon auffällig, dass sich über die „Geschlechterungleichheiten“ in Unternehmensvorständen die ganze Republik
mokiert, nicht aber über die Ungleichheiten etwa bei der Müllabfuhr. Dem ganzen Diskurs über Kind und Karriere liegt nämlich
ein weiteres „soziales Konstrukt“ zu Grunde, nämlich ein ziemlich snobistisches Werturteil über verschiedene Lebenswege.
Was macht aber die Mitgliedschaft in einem Vorstand "objektiv" besser als sich um eine Großfamilie zu kümmern? Es geht
hier um subjektive Präferenzen.
Was dem einen sein Wiedehopf ist dem andern sein Uhu. Es gibt keinen objektiv richtigen Lebensweg. Wenn jemand die Rechte der
anderen nicht verletzt, dann ist es ethisch nicht weniger wertvoll, Schuster zu sein als Ingenieur, Hausfrau oder Zeitungsredakteur,
Computerfreak oder Vereinsmeier, Spitzenmanager oder Landschaftsgärtner, Hausfrau oder Fernsehmoderatorin, Weltreisender
oder Stubenhocker. Das auf dem Markt erzielte Einkommen sagt nichts über den „Wert“ der Arbeit oder die „Macht“ aus, sondern
über das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Der Vorstand eines Dax-Unternehmens erfüllt eine wichtige ökonomische
Funktion, genau wie die Hausfrau, die im Super-Markt für ihre Familie Konsumentscheidungen trifft.
Zu sagen, das eine zu erreichen sei besser als das andere zu erreichen, ist eine persönliche Vorliebe, kein Gott gegebenes
Gebot. In der aktuellen Diskussion um die Frauenquote und das, was Frauen und Männer angeblich wollen und tun, werden
einfach subjektive Präferenzen zur allgemeinen Norm erhoben. Beispielhaft zeigt sich das in den Aussagen der früheren
Taz-Chef-Redakteurin Bascha Mika, die ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Die Feigheit der Frauen“ geschrieben hat. Sie
erklärt: „Nach vierzig Jahren Geschlechtertheater müssen wir feststellen: Wir selber haben's vermasselt. Wir Frauen.“ Wir
Frauen: Das ist es wieder das Kollektiv. Sie fährt fort: „Ich spreche über Fehlentscheidungen der Frauen im persönlichen
Umfeld, wo sie sich unterwerfen, angefangen bei der Liebesbeziehung, bei Hausarbeit, Familienarbeit und den Kindern.“ Das
heißt übersetzt: Die Lage in Deutschland ist schlecht, weil nicht alle Frauen denselben Lebensweg gewählt haben wie die
Autorin. DER SPIEGEL nannte das „Ressentiment-getränkt“. Das ist typisch für Menschen, die sich mit einem eingebildeten
Kollektiv identifizieren, das sich aber nicht so verhält, wie man es von ihm erwartet. Die Folge ist oft ein Zustand
persönlicher Kränkung.
In einer freien Gesellschaft steht es natürlich Bascha Mika frei, die Lebensweise von Hausfrauen nicht zu mögen. Es steht
natürlich auch den Hausfrauen zu, die Einstellung von Bascha Mika nicht zu mögen. Solche gegenseitigen Vorbehalte sind an
sich unproblematisch: Es ist grundsätzlich so, dass man dazu neigt, den eigenen Lebensstil für den Pfad der Weisheit zu
halten. Problematisch wird es, wenn man diesen persönlichen Pfad der Weisheit zum Leitmotiv der Gesellschaftspolitik erheben
und mit staatlichem Zwang durchsetzen möchte. Folgend dem kategorischen Imperativ jedes Lobbyismus: Handle stets so, dass
der Staat Deine persönlichen Interessen und subjektiven Befindlichkeiten in den Rang eines allgemeinen gesellschaftlichen
Problems erhebt, das einer gesetzlichen Lösung bedarf. In diesem Fall die Frauenquote.
Informationen:
Southpark: Eric Carman und die Rotschöpfe
http://www.youtube.com/watch?v=GyB3ifeiuhs&playnext=1&list=PL83DB529
CAC7FD438
MärkischeAllgemeine: Bascha Mika und die Feigheit der Frauen
http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12012204/7249995/Bascha-Mika-und-Die-Feigheit-der-Frauen.html
Der Beitrag ist ursprünlich erschienen auf ef-online:
"http://ef-magazin.de/2011/02/13/2849-frauenpolitik-in-der-kollektivismusfalle-jeder-ist-seines-glueckes-schmied"
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