Friedrich Jentzsch
Gleichstellungs-Controlling
Eine Podiumsdiskussion an der Frankfurter Universität
In der ungeheizten Aula der Goethe-Universität Frankfurt war an einem Montagabend im Februar 2009 die Zielvorgabe bereits erreicht:
Auf dem hochkarätig besetzten Podium drei Frauen und drei Männer sowie eine weibliche Diskussionsleiterin. Unter dem Titel
(a)gain: Chancengleichheit in der Wissenschaft sollten die jüngst gestarteten Initiativen zur Gleichstellung in der deutschen Wissenschaft diskutiert
werden. Der Wortwitz mit den englischen Begriffen erschloss sich nicht völlig; klar war aber, dass mit "gain" der Gewinn gemeint ist, den die Forschung
aus Frauenquoten ziehen soll. Als Experten auf dem Podium: die Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrates, die zuständige
hessische Ministerialrätin, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), zwei Universitätspräsidenten und die Frauenbeauftragte der
gastgebenden Universität. Im Publikum vor allem junge Frauen, viele bereits eingebunden in die neuen Fördermaßnahmen, aber auch einige Männer - dieses
offenbar ungewöhnliche Interesse wurde auf dem Podium wohlwollend registriert: Schließlich seien es die Männer, die etwas an den bestehenden Strukturen
ändern müssten.
Mit einem einleitenden Grußwort der Landeskonferenz der Hessischen Frauenbeauftragten wurde gleich der Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen sich die
Veranstaltung in der Folge bewegte: In immer neuen Zahlenspielen wurde die "Unterrepräsentanz" von Frauen in der Forschung beklagt, wodurch innovative
weibliche Kompetenzen und Ressourcen für den Wissenschaftsstandort Deutschland ungenutzt blieben. Dagegen sollen die etablierten und die neuen
Fördermaßnahmen wirksam eingesetzt werden: Frauenförderparameter, Frauenförderpläne, Zielvereinbarungen und Mentorinnennetzwerke, Ranking, Auditierung,
Evaluation, Benchmarking, kurz: das totale Gleichstellungs-Controlling.
150 Millionen Euro werden von Bund und Ländern in das aktuelle bundesweite ProfessorinnenProgramm gesteckt, mit dem die Bevorzugung von Frauen bei der
Berufung auf Professorenstellen mit einem Prämiensystem honoriert wird. Auf Landesebene sollen in Hessen weibliche Habilitanden durch gezielte Förderung
und den Aufbau von sogenannten MentorinnenNetzwerken auf Professorenstellen gehievt werden. Auf Initiative der Bundesregierung sollen Institutionen wie
die DFG und der Wissenschaftsrat als Beschleuniger in diesem Prozess wirken. Matthias Kleiner, der Präsident der Forschungsgemeinschaft, machte denn
auch gleich unmissverständlich klar, dass die Förderung von Universitäten und Forschungsvorhaben künftig an die Erfüllung von Gleichstellungsstandards
gebunden sei. Für das eigene Haus verkündete er stolz, dass die DFG solange jeden ausscheidenden männlichen Vizepräsidenten durch einen weiblichen
ersetzten werde, bis der gewünschte Proporz erreicht sei.
Auch Ulrike Beisiegel als Vertreterin des Wissenschaftsrates machte deutlich, dass bei der Umsetzung der Zielvorgaben zur Gleichstellung kein
Widerstand geduldet werde: Man werde "Maßnahmen ergreifen und Sanktionen unterstützen", falls in den nächsten Jahren "keine besseren Zahlen
geschrieben würden" - der Beifall der anwesenden Frauenbeauftragten war ihr sicher.
Entsprechend einsichtig und willig zeigten sich die Vertreter der Hochschulen. Sie gelobten, die Gleichstellungspolitik weiter zu professionalisieren
(was im Zweifelsfall zumindest neue Stellen für Frauen in den Gleichstellungsbüros und anderen Abteilungen der Verwaltung schaffen wird). Besonders
innovativ gab sich der frisch gekürte Präsident der Goethe-Universität, Werner Müller-Esterl, der auf die "Gender-Aspekte" der "Stiftungsuniversität"
Frankfurt verwies. Stolz verkündete er, beim neuen Exzellenzcluster seien bereits acht von 19 Professorenstellen mit exzellenten Frauen besetzt, eine
neunte werde in Kürze folgen. Müller-Esterl verwies auch auf den neugegründeten "Dual Career Service": Mit dieser Institution sollen die Partner neu
berufener Mitarbeiter unterstützt werden: mit Jobs an der Universität, bei der Kinderbetreuung und der Wohnungssuche. De facto ein elitäres Instrument,
um Spitzenforscher anlocken zu können, wird es als Gleichstellungsmaßnahme etikettiert und folgerichtig der Frauenbürokratie der Universität
zugeschlagen. Auf Nachfrage wurde betont, dass der "Dual Career Service" selbstverständlich auch für homosexuelle "Doppelkarrierepartnerschaften"
gelte. Vermutlich hofft man überwiegend auf lesbische Paare, da ansonsten neue Probleme mit der Quotierung auftreten dürften.
Die Einigkeit auf dem Podium war so weitgehend, dass man auf eine Diskussion getrost verzichten konnte. Auch die Einbeziehung des Publikums brachte
keine wesentliche Erweiterung des Spektrums: Einschlägig bekannte Gremienvertreter aus Professorenschaft, Mittelbau und Studentenschaft trugen z.T.
bereits vorbereitete Statements vor, nur notdürftig in Frageform verpackt. Auf altbekannte Parolen wie der doppelten Diskriminierung von Frauen mit
Migrationshintergrund oder der Notwendigkeit einer Bekämpfung geschlechtsspezifischer Fächerinteressen bereits in der Schule reagierte das Podium mit
großem Verständnis - während die Frauenbeauftragte ununterbrochen zustimmend mit dem Kopf nickte.
Schon die Zusammensetzung der von den Frauenfördergremien veranstalteten Podiumsdiskussion machte deutlich, dass kritische Fragen unerwünscht waren.
Diese hätten lauten können: Sind die angeführten Zahlen zur Geschlechtsverteilung aktueller Inhaber von Professorenstellen tatsächlich ein Indiz für
eine Diskriminierung von Frauen und worin besteht eigentlich das geschlechtsspezifische "Innovationspotential von Frauen", das automatisch zu einer
Steigerung von "Effizienz und Exzellenz in der Forschung" führen soll? Ist es legitim, angebliche Männernetzwerke (negativ) durch staatliche geförderte
Frauennetzwerke (positiv) zu bekämpfen? Sind Frauen und Männer in der Forschung als Repräsentanten ihres Geschlechts anzusehen oder geht es um den
Fortschritt der Wissenschaft? In welchem Zusammenhang steht die Einrichtung von Frauenforschungszentren (mit dem Auftrag zur sog. Genderforschung)
zu den Frauengleichstellungsquoten? Und wie weit ist es mit der vielbeschworenen Autonomie der Hochschulen bestellt, wenn sie durch die Gewährung
oder Versagung von Fördermitteln zu einer bestimmten Form der Personalpolitik erpresst werden? Schließlich: Welche Reaktionen provoziert eine solche
von oben verordnete Quotierung eigentlich bei den betroffenen Forschern beiderlei Geschlechts?
Die in der Form bereits überwunden geglaubter ideologischer Konzepte gebetsmühlenartig vorgetragene Doktrin von den seligmachenden
Gleichstellungsmaßnahmen duldet keinen Widerspruch. Dass damit wissenschaftliche Qualität als entscheidendes Kriterium bei Berufungen aller Art außer
Kraft gesetzt wird, wurde nur hinter vorgehaltener Hand geäußert; jegliche öffentliche Kritik an dem Thema ist mit einem hochschulpolitischen Tabu
belegt. Verfolgt man dagegen die Diskussionen in den einschlägigen Internetforen der akademischen Szene (etwa in den Portalen des academics-Forums
der Zeit), so wird eine breite Ablehnung der quotierten Zielvorgaben unter den betroffenen Jungforschern deutlich. Dies ist durchaus verständlich,
denn qualifizierte Männer müssen fürchten, dass ihnen Frauen aus geschlechtsspezifischen Gründen vorgezogen werden, während qualifizierte Frauen den
naheliegenden Generalverdacht fürchten müssen, sie hätten ihre Position nicht aufgrund fachlicher Qualifikation, sondern durch bürokratisch verordnete
Gleichstellerei erhalten - beides diskriminierende Folgen einer völlig aus dem Ruder laufenden Frauenförderpolitik.
(Der hier mit Genehmigung des Autors wiedergegebene Bericht über eine Podiumsdiskussion in der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität am 2. Februar 2009 ist in gedruckter Form erschienen in der Zeitschrift Gegengift vom 15. März 2009.)
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