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Bernhard Lassahn

Das Glück der Quote

Gut gelaunt reiste ich durch das Sendegebiet des NDR. Die Musik wurde sanft ausgeblendet, es folgte ein redaktioneller Beitrag, der sich mit der Forderung nach einer Quote für Aufsichtsräte beschäftigte und dazu Renate Schmidt aus dem Ruhestand zurück ans Mikrofon rief. Das freute mich. Die war mir immer sympathisch, die habe ich mal gewählt, ich mag allein schon ihren fränkischen Zungenschlag.

Doch was sie sagte, hat mir nicht gefallen.

Zuerst hatte die Moderatorin gefragt, warum eigentlich „Quotenfrauen“ so einen „schlechten Ruf“ hätten. Darauf ist Frau Schmidt nicht eingegangen. Das machen Politiker gerne: Sie haben etwas vorbereitet, da warten sie nicht lange auf das passende Stichwort, sie halten die Luft an, bis der Fragesteller ausgeredet hat und sagen dann, was sie sowieso loswerden wollten. Also: Frau Schmidt meinte, dass es nun höchste Zeit für eine Frauenquote sei, da es schließlich überall eine „Männerquote“ gäbe, die man „nur nicht so nennt“.

Aha. Das erklärte immerhin, dass ich noch nie davon gehört hatte.

Doch es gab mir zu denken. Eine Männerbeschuldigung als Präludium nach dem Motto „Die Männer zwingen uns zur Notwehr“ sind wir gewohnt, doch hier tat sich der Verdacht auf, dass Frau Schmidt nicht verstanden hat, was das Besondere an einer Quote ist. Schauen wir mal: Der Männeranteil in Unternehmen erklärt sich aus ganz verschiedenen Faktoren, nur aus einem nicht: aus einer Quote. Das erkennt man daran, dass dieser Männeranteil sehr unterschiedlich ausfällt, eine Quote dagegen sieht einen jeweils gleichen Anteil vor. Also: Alle die es bisher nicht so genannt haben, liegen richtig, Frau Schmidt liegt falsch. Es gibt keine Männerquote.

Wenn es eine gäbe, wie Frau Schmidt im vorwurfsvollen Ton behauptet hat, wäre das auch nicht gut - es hieße nämlich, dass bei wichtigen Personalfragen die Unternehmen nach sexistischen und nicht nach sachbezogenen Kriterien entscheiden. Um so wichtiger wäre es, die Männerquoten zu benennen – und abzuschaffen. Frau Schmidt zog einen anderen Schluss: Sie unterstellte, dass es eine Mafia gibt und leitete daraus die Forderung nach einer Cosa Nostra ab.

Sie schwärmte von Norwegen. Da hat man es „geschafft“. Was die da im Norden können, können wir schon lange – so hat sie das nicht gesagt, aber so ähnlich: „Das schaffen wir auch“ verkündete sie, als stünden wir vor einem Länderspiel, bei dem mindestens ein Unentschieden drin ist. Aber der Ländervergleich ist unfair: Die Bedingungen sind ganz anders: Norwegen hat eine höhere Frauenerwerbsrate, bessere Kinderbetreuungsmöglichen und durch das Öl eine wirtschaftliche Situation, die mit keinem anderen europäischen Land vergleichbar ist.

Immerhin veranlasste es die Moderatorin nachzufragen, wie sie es denn in Norwegen „geschafft“ haben. Da hatte man es zunächst mit einer „freiwilligen Verpflichtung“ versucht, die es jedoch nicht „gebracht“ hat. Der „freier Wille“ gilt in der Diskussion um die Quote offenbar nicht viel. Dann hatte man eine Frist gesetzt, um einen „Pool“ zu schaffen von Frauen, die für solche Positionen in Frage kommen, um damit dem Argument zuvor zu kommen, dass es nicht genug geeignete Frauen gibt. Die Geeigneten hat man dann aus diesem Pool gefischt, und wenn nach Ablauf der Frist ein Unternehmen nicht eine Frauenquote von 40% hatte, ja ... „dann gab es das Unternehmen nicht mehr“! Raue Sitten im hohen Norden!

Frau Schmidt erklärte, dass man oben anfangen muss, von da aus würde sich die Veränderung nach unten hin durchsetzten - in anderen Worten: Das war nur der Anfang. Von oben herab würde sich kaskadenartig die gesamte Struktur der Arbeitswelt verändern. Sie sagte nicht „top down“, doch es war deutlich: Es handelt sich hierbei nicht um einen Prozess demokratischer Veränderung, der von unten kommt, sondern um einen Putsch. Das haben sie in Norwegen „geschafft“ – das Wort klingt nach Leistung, es ist Erpressung.

Eine letzte Frage der freundlichen Moderatorin: Liegt es nicht auch „ein bisschen an den Frauen selber“? Nachdem man zunächst die Hauptschuld den Männern zugeschoben hatte, könnte man doch generös eine gewisse Eigenbeteiligung an dem Dilemma einräumen. Frau Schmidt griff das gerne auf: Ja, sie könne die Frauen verstehen, sagte sie, die nicht „ihr ganzes Leben“ einem aufreibenden Top-Job widmen wollten, und dann kam der Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Schon der Anfang lässt bei mir die Alarmblickleuchten angehen: „Es kann nicht sein, dass ...“

Es ist normalerweise das Lieblings-Intro von Claudia Roth, die vermutlich die umfangreichste Sammlung von solchen Satzanfängen hat. Da hat es mich schon so manches mal gejuckt zu sagen: „Und wenn doch?“

Aber, es ist nicht lustig: So reden die Tyrannen von heute. So gehen sie mit Konjunktiv und Indikativ um, mit Realem und Irrealem, so ordnen sie die Welt der Fakten ihrem Dogma unter. So reden Leute, die ein Bild übermalen, damit es farblich besser zum Rahmen passt. Ein Hauch von Stalinismus ist da spürbar – und ein grundfalsches Verständnis von Christian Morgenstern und den berühmten Zeilen:
Und er kommt zu dem Ergebnis:
„Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil“, so schließt er messerscharf,
„nicht sein k a n n , was nicht sein d a r f.“
Damit will Palmström genau das Denken entlarven, mit dem diese Frauen auftrumpfen: „Und so erkennt sie irgendwann, dass nicht sein darf, was nicht sein kann.“

Der Satz geht noch weiter: „Es kann nicht sein, dass eine Frau ihr Lebensglück den Anforderungen einer Führungsposition opfert“. Was machen wir denn da? Da nun mal das Lebensglück einer Frau an erster Stelle steht, müssen eben die beruflichen Anforderungen so angepasst werden, dass es für Frauen leichter wird, ein glückliches Familienleben mit einem sicheren Platz auf einem Chefsessel zu verbinden - wie früher auf dem Dorf, wenn es nicht genug Jungs für ein Fußballspiel gab, und die Mädchen nur mitmachten, wenn man die Regeln änderte. Man muss den Frauen in Top-Positionen garantieren, dass sie täglich um 17.oo Uhr zu Hause sein können, und man sollte auch – wie einst in der DDR – einen „Haushaltstag“ und einen „Frauenruheraum“ einrichten (so detailliert hatte sie es allerdings nicht ausgeführt).

Nun war es raus. Bei der Forderung nach einer Quote handelt es sich nicht um eine Kleinigkeit, bei der es lediglich darum geht, ein paar Frauen in ausgewählte Positionen zu bugsieren. Vielmehr geht es um einen weitreichenden Umbau der Gesellschaft. Doch was macht Renate Schmidt eigentlich so zuversichtlich, dass es funktioniert? Wieso glaubt sie, dass sich das Quotenmodell durchsetzt wie aufsteigende Feuchtigkeit in Venedig, die sich in dem Fall nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten durch das ganze Gebäude zieht?

Ich glaube es nicht. Ich glaube eher, dass die Frauen der F-Klasse fixiert sind auf etwas, was sie für die oberste Etage halten. Dabei ist es sowieso leichter, Kind und Karriere zu vereinbaren, wenn es eine Karriere ist, die so viel Geld abwirft, dass man sich alles an Kinderbetreuung leisten kann, was man zum Glück braucht. Ursula von der Leyen und Eva Hermann sind Ausnahmen – nicht die Regel. In den unteren Etagen sieht das anders aus.

Wieso sollte sich der Quotensegen auswirken auf eine Krankenschwester mit Kindern, die wirklich Schwierigkeiten hat, „to make ends meet“, wie es bei ‚Lady Madonna’ heißt? Würde diese Krankenschwester, die sonst so gerne von Politikern als Beispiel bemüht wird, sich in diesem „wir“ mitgemeint fühlen, das Renate Schmidt benutzte, als sie verkündete: „Das schaffen wir auch!“? Oder würde sie denken: „Die da oben“ haben sich Privilegien verschafft, von denen ich nichts habe? Verwunderlich ist auch, dass es sich bei dem Vorhaben um SPD-Politik handelt? Es wirkt eher wie eine Politik, wie sie die SPD der FDP vorwirft, wenn Wahlkampf ist.

Immerhin war mir klar, warum Frau Schmidt auf die Frage nach dem schlechten Ruf so schnell darüber hinweggehuscht ist. Mit dem, was sie vorschlägt, verschlechtert sie den Ruf noch. Beschränkte sich der bisher lediglich darauf, dass man Quotenfrauen unterstellte, dass sie ihren Job nicht auf mühseligem Weg, sondern per Abkürzung erreicht haben, so hätte es doch bis heute niemand gewagt, ihnen außerdem zu unterstellen, dass sie ihre Arbeit nicht mit vollem Einsatz machen. Nun ginge das: Die neue Quotenfrau wird semiprofessionell.

Dass Frau Schmidt sich um das Lebensglück sorgt, wirkt nur auf den ersten Blick sympathisch; besser wäre es, sie würde die Finger davon lassen. Wie steht es denn mit Männer - und Frauen! -, die ihr Lebensglück darin sehen, sich voll und ganz für eine Idee, einen Beruf oder für die Kunst hinzugeben? Sollen die etwa ausgebremst werden, um den Weg frei zu machen für Frauen, bei denen das „nicht sein kann“?

Die Quotenfrau wird nicht glücklich werden. Sie wird sich immer sagen, dass ihr Lebensglück auf dem Unglück anderer beruht; denn eine Quote heißt zunächst einmal, andere aus dem Weg zu schaffen. Die Quotenfrau ist nicht selber ihres Glückes Schmied gewesen – es war das Glück von Renate Schmidt -, man musste der Quotenfrau die Hand führen und Regelungen einführen, die dafür sorgen, dass das Eisen auch ja nicht zu heiß ist. Gerade wenn sie es nicht direkt zu hören kriegt, was hinter ihrem Rücken getuschelt wird, wird es um so lauter in ihr nachhallen.

Sie wird nicht froh werden. Vielleicht hat sie noch den Kanon aus Kindertagen im Ohr: „Froh zu sein, bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König.“ Nun geistert die volkstümliche Umdichtung in ihren Hintergedanken herum: „Frau zu sein, bedarf es wenig, und wer Frau ist, bringt es eh nicht.“ Wenn man das einmal im Ohr hat, kriegt man es nicht wieder weg. Denn die Quotenregelung setzt voraus, dass eine Frau es ohne die Hilfe der Politik nicht „bringt“, davon muss die Politik ausgehen, sonst wäre sie überflüssig. Die Quotenfrau fühlt sich wie ein Kind, dem man unterstellt, dass es sein Weihnachtsgeschenk nicht alleine auswickeln kann, also rupft der Weihnachtsmann stellvertretend für sie das Papier runter - „Kind, ich mach das mal schnell für dich!“ - und bei der Gelegenheit beschädigt er das Geschenk.

Wozu der Krampf? Wenn es tatsächlich so sein sollte, dass schon in naher Zukunft qualifizierte Arbeitskräfte dringend gesucht werden und gleichzeitig immer mehr Frauen diese Qualifikationen erlangt haben, dann wird die Geschichte ihren Gang gehen, dann werden sich die Seiten aufeinander zu bewegen. Frauen werden dann gerne die Arbeitsstellen ausfüllen wollen, die sie mit ihrer Ausbildung angepeilt hatten, und Unternehmen werden ihre Arbeitsplatzbeschreibungen anpassen, wenn sie die Stellen nicht mehr anders besetzen können. Warum lässt man so eine Entwicklung nicht so laufen, wie es die verschiedenen Umstände in dieser vielfältigen Welt hergeben? Eine Quote ist da nur hinderlich. Sie verbietet den Unternehmen, pragmatisch vorzugehen und zwingt sie unter das Diktat einer Zahl, die sie verfluchen werden. Vielleicht würde es sogar rein zufällig bei einem Unternehmen auf eine 40%-Quote hinauslaufen. Glück gehabt. Für alle anderen würde es bedeuten, faule Kompromisse einzugehen.

Wer darf sich eigentlich die Zahl aussuchen? Der Dalai Lama? Welche soll man denn nehmen? 40% wie in Norwegen? Oder 30? Oder 36? Oder 32,5? Oder soll es gestaffelt werden? Bezogen auf welchem Zeitraum? Auf 3 Jahre? Auf 5? Da gibt es immerhin Erfahrungen mit dem gefürchteten Fünfjahresplan. Da tut sich gleich das nächste Feld für willkürliche Vorgaben auf. Wir sprechen übrigens, wenn es um die Posten in Aufsichtsräten geht, von einem Personenkreis von ca. 800 Personen - ungefähr 0,0001 Prozent der Bevölkerung. Bei so einer kleinen Menge gibt es keine Repräsentation. Da ist jede Zahl falsch.

Danach ging es mit Gute-Laune-Musik weiter. Nun hatte ich allerdings keinen guten Eindruck mehr von Renate Schmidt. Meine Laune war getrübt. Es hat mir nicht nur missfallen, was – sondern auch wie sie es gesagt hatte.

Daran änderte auch der fränkische Tonfall nichts.

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