Dr. Fiona Lorenz
Bloß keine Frauenquote!
Amalie Dietrich ist geradezu besessen von Botanik. Um Pflanzen und Kräuter zu sammeln und diese
systematisch klassifizieren zu können, reist sie mitunter siebzehn Wochen zu Fuß durch Deutschland
oder elf Wochen durch die Salzburger Alpen, da sie sich eine Fahrt mit der Eisenbahn nicht leisten
kann. Ihr Kind gibt sie während ihrer Reisen in Pflege. Sie wird zur Pflanzenexpertin, führt
unterwegs Gespräche mit Fachgelehrten an den Universitäten, Professoren und Direktoren der
botanischen Gärten. Mit 41 bewirbt sie sich bei dem Hamburger Reeder und Großkaufmann Cesar
Godeffroy um den Auftrag, in der Südsee zu forschen. Sie wird abgelehnt, besorgt sich umgehend
anerkennende Urteile namhafter Wissenschaftler, und erhält doch den Auftrag. Vor der Reise lässt
sie sich noch von einem Konservator ausbilden, lernt Englisch und den Umgang mit der Waffe und
erforscht daraufhin zehn Jahre lang den australischen Busch. Ihre Sammlungen werden zu einem
Anziehungspunkt für die wissenschaftliche Welt, viele Arten werden nach ihr benannt. Amalie
Dietrich lebte 1821-1891.
Mehr als ein Jahrhundert vor Dietrich lebt Maria Sybilla Merian (1647-1717). Merian ist
Insektenforscherin und liefert bereits 50 Jahre vor Linnés Klassifikation eine allererste
bildliche Systematik der Schmetterlinge. Man muss dazu wissen, dass zu dieser Zeit Schmetterlinge
im Volksglauben immer noch als Hexen galten, die als schöne Falter an der Sahne lecken und diese
verderben (“butterfly”). Merian denkt zudem bereits in Kreisläufen, also in ökologischen
Zusammenhängen. Mit 52 Jahren begibt sie sich mit ihrer Tochter auf eine Forschungsreise in
den südamerikanischen Urwald - eine Reise, für die sie Forschungsgelder einwerben kann. Das
daraus entstehende Buch macht sie weltberühmt.
Frauen machen seit Jahrhunderten Karriere
Beide Frauen konnten also schon mehrere Jahrhunderte vor der Emanzipationsbewegung und deren
Frauenquote Karriere machen - und zwar auf Grund ihrer Leidenschaft für ein Forschungsthema.
Beide waren wohlgemerkt auch Mütter! Wie auch zum Beispiel Marie Curie, die einzige Empfängerin
zweier Nobelpreise in unterschiedlichen Disziplinen. Es stellt sich die Frage, woher denn nun
wirklich die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen rührt – denn diese ist ja de
facto gegeben. Und ob dieser Unterrepräsentanz mit einer Frauenquote begegnet werden könnte.
Dazu ist es notwendig, möglichen Gründen für dieses Phänomen nachzugehen.
Wie steht es um die Benachteiligung von Frauen nach ca. 35 Jahren Frauenbewegung? Ist die
Benachteiligung tatsächlich so groß, wie es von Seiten „der Frauenbewegung“ (hier in all
ihren Facetten pauschal so bezeichnet) interpretiert wird, dann sind die Methoden der
Frauenbewegung nicht oder nur wenig wirksam gewesen.
Das Gleichbleiben oder nur geringfügige Ansteigen der Anteile von Frauen in bestimmten
Lebensbereichen könnte aber auch andere Ursachen haben als die Benachteiligung von Frauen
in eben diesen Bereichen. Das heißt, die Ursachen für das Phänomen könnten sich geändert haben.
Eine andere Möglichkeit der Interpretation besteht nun darin, die Phänomene, auf denen
Benachteiligungshypothesen basieren, unter einem anderen Licht zu betrachten und neue
Interpretationen hinzuzufügen.
Ich werde im Folgenden zunächst kurz auf die „Benachteiligung von Frauen“ eingehen, um dann über
die Erstellung einer Matrix von Macht und Machtlosigkeit der Geschlechter die Perspektive auf
andere Geschlechterverhältnisse zu ermöglichen.
Als Beispiele für Dissonanzen in der Wahrnehmung der Geschlechterverhältnisse werde ich die
Lebensbereiche Beruf und Mutterschaft heranziehen
Die „Benachteiligung von Frauen“
Die Benachteiligung von Frauen wird an ihrem geringen Anteil in bestimmten Lebensbereichen,
zum Beispiel in höheren Karrierepositionen, in der Politik und in anderen Machtbereichen der
Öffentlichkeit gemessen. Als Ursachen hierfür werden historisch gewachsene, männerdominierte
Strukturen gesehen, in denen Männer bevorzugt und Frauen benachteiligt werden. Darüber hinaus
werden angeblich komplexe psychosoziale Prozesse wirksam, in denen Mädchen und Jungen bereits
im Elternhaus und in der Schule mit Geschlechtsstereotypen konfrontiert und geprägt werden.
Soziobiologische Erkenntnisse werden dagegen überwiegend abgelehnt (es sei denn, aus ihnen
lassen sich Vorteile ableiten), obwohl sich mit ihnen die existierenden Phänomene zum Teil
weitaus besser erklären ließen.
Andererseits sind auch Jungen denselben komplexen psychosozialen Prozessen ausgesetzt, wie auch
ihre Sozialisation das Ergebnis historisch gewachsener Strukturen ist.
Die Bezugspersonen für Jungen sind in den ersten Lebens- und Schuljahren hauptsächlich Frauen: die
Mutter, die Erzieherinnen im Kindergarten, die Grundschullehrerinnen.
Seit einigen Jahren lässt sich nun beobachten, dass der Anteil der Jungen abnimmt, die Abitur
machen, Jungen finden sich dagegen verstärkt an Hauptschulen. Auch an den Hochschulen schwindet
die Zahl der jungen Männer. Auf eine kurze Formel gebracht, ließe sich sagen: Je höher die
Schulbildung, desto mehr weibliche und desto weniger männliche Absolventen.
Dann aber, bei der Promotion, später auch bei der Habilitation, kehrt sich das Bild um: Hier
finden sich mehr Männer als Frauen. Und dennoch: Wenn sie denn einmal habilitiert sind, haben
Frauen mehr Chancen auf eine Professur als Männer
- Frauenquote eben.
Farrells Machtmatrix
Warren Farrell (1993) legt seiner Analyse des Mann-Frau-Verhältnisses eine Matrix von Macht und
Machtlosigkeit zu Grunde und stellt heraus, dass im Verlauf der Emanzipationsbewegung vor allem
die weibliche Machtlosigkeit fokussiert und diese als gleichbedeutend mit männlicher Macht gesetzt
wurde.
Farrell lenkt den Blick jedoch auch auf die anderen Bereiche, nämlich männliche
Machtlosigkeit und weibliche Macht. Er definiert Macht „als die Fähigkeit, über das eigene
Leben zu bestimmen“ bzw. „Kontrolle über unser Leben“, wodurch der „Zugang zu äußerer Macht
und äußeren Hilfsmitteln (also Einkommen, Status, Eigentum)“
zwar für Männer eher gegeben
ist als für Frauen, der Zugang zu anderen Bestandteilen von Macht jedoch nicht gegeben bzw.
vermindert ist.
Ein Blick auf die Situation von Männern
Auch Männer werden im Lebensverlauf und im Beruf vielfach aufgerieben und gedemütigt. Sie kämen
bloß nie auf die Idee, diese Erfahrungen auf ihr Geschlecht zurückzuführen, obwohl sie gerade
wegen ihres Geschlechts in manchen Situationen höher belastet werden und mehr Kränkungen erfahren
als Frauen. Desgleichen erreichen viele Männer, so sehr sie sich auch bemühen, nie die Chefetage.
Mathias Matussek (1998), der sich in den vergangenen Jahren eher durch proreligiöse Äußerungen
hervortat, thematisiert in Geschlechterfragen wie Farrell die Machtverteilung zwischen Männern
und Frauen auf eine andere als die gewohnte Weise: Er zeigt auf, wie mächtig Frauen werden können,
wenn sie Mütter und Männer Väter werden und wie unterschiedlich die gleiche Handlung be- bzw.
verurteilt wird, je nachdem, ob ein Mann oder eine Frau sie begeht: „Der Diskurs ist simpel:
Eine Frau, die sich trennt, hat sich ‚emanzipiert’ und erfährt Stützung. Ein Mann, der weggeht,
gilt dagegen als brutal und wird sozial geächtet.“
Die Macht, die Frauen dadurch erlangen, dass sie Mütter werden, spiegelt sich, so Matussek, darin,
dass sie ab Geburt finanziell versorgt sind, ob mit oder ohne Vater. Ein Kind ist für Frauen ein
gesellschaftlich akzeptierter Grund, nicht arbeiten gehen zu müssen. Für Männer ist ein Kind
dagegen ein Grund, erst Recht arbeiten gehen zu müssen.
Vorteile für Frauen
Katharina Rutschky (1999) vertritt die These, dass Frauen als die eigentlichen Gewinner der
Modernisierung gelten könnten, wofür sich „im Bereich des Rechts, der Arbeitswelt, im
Bildungswesen und der vielfach gesteigerten Lebensqualität, die zu einer merklichen Erhöhung der
weiblichen Lebenserwartung geführt hat“,
Indikatoren finden ließen.
Das Muttersein bringt der Mutter, so Herrad Schenk (1998) wiederum, einige Vorteile, nämlich der
Verunsicherung und dem ständigen Leistungsdruck der männlichen Biographie auszuweichen. Ihrer
Ansicht nach ist diese Situation historisch neu: Frauen müssen sich – wie Männer – heute
individuelle Ziele setzen und ihr Leben selbst planen. Diese Veränderung wird, so Schenk
weiter, „von vielen Frauen nicht nur positiv, als Befreiung, sondern auch negativ, als
Verunsicherung und ständiger Leistungsdruck, erlebt.“ Dagegen besteht in der Mutterschaft
die Chance, den alten Zustand des traditionellen Frauenlebens wieder herzustellen.
Katharina Rutschky (1999) analysiert die Situation von Frauen und kommt zu dem Schluss, dass
die Frauenbewegung einen systematischen Fehler gemacht hat, indem sie verkennt, dass „die
Befriedigungen einer Existenz im zweiten Glied (...) so übel nie [Einschub: mit „nie“
übertreibt sie meines Erachtens, FL] war und auch heute noch genügend Anhängerinnen findet.
Abgesehen von der Beschwerdekultur [der Frauenbewegung, FL] mit ihren kurzfristigen
Entlastungserlebnissen, hat sich in vielen Jahren nichts entwickelt, weder sozial noch ideell,
was Frauen eine angemessene Verarbeitung ihrer Umstellungsprobleme erleichtern und ihrem
begründeten Konservativismus abhelfen würde.“
Rutschky spricht an dieser Stelle von dem Widerspruch der Frauenbewegung, einerseits
Geschlechtsunterschiede zu leugnen, andererseits aber sich „an die Frauen als das hilfs- und
nachhilfebedürftige Geschlecht...“ zu klammern.
Farrell (1995) schreibt dazu: „Hat [die feministische Haltung] früher gesetzliche Diskriminierung
aufgrund biologischer Unterschiede bekämpft, so betont sie heute die biologischen Unterschiede,
wenn dadurch Frauenrechte gestärkt werden können.“
Wer zahlt eigentlich? - Vabanquespiele
Es geht Frauen hierzulande doch eigentlich prächtig – was wollen sie mehr? Sie können wählen
gehen, sie können Abitur machen und studieren. Ihnen steht die Welt offen. Sie können ins
Frauenhaus gehen, wenn sie geschlagen werden (und es wird ignoriert, wenn sie selbst schlagen).
Sie können ihre Kinder von klein an betreuen lassen, sie können Hartz IV, Unterhaltsvorschuss und
Kindergeld beantragen, sie können Mutterschutz in Anspruch nehmen und auf diese Art ihre Kollegen
in der Luft hängen lassen, wenn sie meinen, dass nur sie allein fähig sind, ein Kind zu erziehen,
selbst wenn sie Ingenieurin, Verkäuferin oder Ägyptologin sind. Ach, wenn sich nur die Männer
diese Position im Rahmen der Gleichberechtigung erkämpfen würden: Zuhause bleiben, ein Kind 24
Stunden am Tag erziehen, den Beruf vergessen und sich sagen: Irgendwann, irgendwann geh ich
wieder zurück ins unangenehme Berufsleben.
Wer bezahlt eigentlich das Ganze?
Es sind die Väter
der Kinder
und der Vater
Staat.
(Bezeichnenderweise finden sich auf Anhieb keine Gesamtzahlen zu Unterhaltsleistungen in
Deutschland.)
Während Frauen sich alsdann darüber beschweren, dass sie im Beruf nicht mehr Fuß fassen können
und weniger Geld verdienen als ihre Kollegen (weil sie ziemlich lange zu Hause geblieben sind,
sich nicht fortgebildet haben, allen Ernstes erwartet haben, ihre Stelle würde eigens für sie
anderthalb Jahre vakant gehalten?
), sind ihre kinderlosen Kolleginnen und Kollegen sowie jene, die alles unter einen Hut bringen,
an ihnen vorbeigezogen.
Farrell stellt fest: Frauen fordern im Beruf mehr Rechte, sind aber nicht bereit, mehr
Verpflichtungen im Sinne der Familienernährerin auf sich zu nehmen. Für Frauen, so Farrell,
stellt Berufstätigkeit eine Option oder auch vorübergehende Notwendigkeit dar, für Männer nicht:
„Wir stellen uns vor, dass Männer viele Wahlmöglichkeiten haben: Sie können Präsident werden,
Astronauten etc. Alle diese Optionen sind in Wahrheit jedoch nur Untergliederungen einer Option:
Geld zu verdienen.“
Farrells Lösung besteht darin, dass beide Geschlechter nicht nur Rechte beanspruchen, sondern auch
Verpflichtungen in den gleichen Bereichen übernehmen, Lasten gleich verteilen.
Stattdessen sieht es so aus, als gingen Frauen ihren romantischen Fantasien nach, sich vom Mann
(oder Vater Staat) versorgen zu lassen. Während Männer anscheinend ihrerseits das romantische
Spiel mitspielen und sich gern als Familienernährer und -versorger verstehen (wollen).
Karriere strengt an!
„Wenn aber die Phantasie einer Karriere, die durch eigene Anstrengung zustande kommt, mit der
Realität dessen kollidierte, was man für eine Karriere opfern muss, versagte sie.“
Dem entspricht, so Farrell, „einer der größten Irrtümer der Frauenbewegung“, namentlich „den
Arbeitsplatz mit `Macht´ und `Selbstverwirklichung´ gleichzusetzen. Arbeitgeber müssten die
Leute nicht bezahlen, wenn sie ihnen Macht und Selbstverwirklichung bieten würden.“
Für Männer besteht tatsächlich eine weitaus größere Gefahr, Arbeitsunfälle zu erleiden
sowie anstrengendere (schwere Fabrikarbeit, Hochöfen), gefährlichere (Polizisten, Feuerwehrleute),
unsympathischere (Schlächter, Jäger), abstoßendere (Müllverwerter), weniger heimatnahe
(Fernfahrer), zeitraubendere (Ärzte, Politiker) und einsamere (naturwissenschaftliche Forschung)
Berufe auszuüben, als für Frauen.
Arne Hoffmann fasst zusammen: „Generell bieten typische Frauenberufe unbestreitbar bessere
Arbeitsbedingungen als von Männern ausgeübte Tätigkeiten.
Zu den Gründen, weshalb Frauen weniger verdienen als Männer, führt Hoffmann an, dass Frauen eher
die sicheren, aber schlechter bezahlten Berufe wählen (s.o.), dass sie statt Geld eher nicht
finanzielle Nebenleistungen in Anspruch nehmen wie bspw. flexible Arbeitszeiten und
Urlaubsregelungen oder Betriebskindergärten. Zudem sind Frauen in der Regel schlechter ausgebildet
als Männer, besitzen damit weniger fachliche Qualifikationen und stellen insgesamt für
Arbeitgeber ein größeres Risiko dar. Frauen arbeiten weniger Wochenstunden als Männer und
leisten weniger Überstunden. Wäre es tatsächlich so, das Frauen auf Grund ihres Geschlechtes
weniger verdienten als Männer, bestünde, so Hoffmann, kein Grund für ein Unternehmen, teure
Männer einzustellen, wenn Frauen dieselbe Arbeit viel billiger machten.
Üblicherweise wird jedoch weiterhin eine Benachteiligung in Bezug auf das Einkommen „bei gleicher
Qualifikation“ behauptet, doch nirgends fundiert belegt. Es sei bemerkt, dass es sehr schwierig
ist, an aussagekräftige Zahlen zu kommen.
Es werden Zahlen und Prozente genannt, ohne ausreichende Bezüge herzustellen. Die Zahlen wirken
auf den ersten Blick meist verstörend, wie beispielsweise ein Blick auf die abweichenden Gehälter
von Architektinnen zu Architekten oder von Bankkauffrauen zu Bankkaufmännern.
Aber wenn man die unterschiedlichen Lebensbedingungen von Frauen und Männern in Deutschland
berücksichtigt, merkt man schnell, dass es so einfach nicht sein kann.
Privatwirtschaft auf Selbstzerstörungsmodus?
Zum Beispiel das Statistische Bundesamt: Hier wird wenigstens nachvollziehbar dargestellt,
dass die Geschlechter im öffentlichen Dienst nur 7,5 (2007) bzw. 7,1 Prozent (2009)
auseinanderklaffen, im Vergleich zur Privatwirtschaft, die offensichtlich die teuren Männer
(22,5-22,7 Prozent teurer als Frauen) bevorzugt einstellt – augenscheinlich hat die
Privatwirtschaft einen Selbstzerstörungsmodus eingeschaltet, der sie zu dieser irrationalen
Handlungsweise bewegt. Vielleicht haben diese Zahlen aber auch einen anderen, nachvollziehbaren
Hintergrund.
Zu diesem Zwecke erscheint es sinnvoll, die Qualifikationen von Frauen und Männern unter die
Lupe zu nehmen und miteinander zu vergleichen. Ein Hinweis sind ja bereits die gewählten Berufe,
die sich anscheinend unterscheiden. In welchen Fächern bilden sich Frauen und Männer denn aus?
Und wer bildet sich anschließend eher weiter? Nun, da es mittlerweile etliche Programme gibt, die
Mädchen und Frauen in MINT-Berufe hineinlocken wollen, ist schon klar, wo der Hase langläuft:
Frauen sind auch heute noch weit mehr an (schlechter bezahlten) Sprach- und Kulturwissenschaften
interessiert, wie das Statistische Bundesamt im Juni 2006 unter dem Titel „Frauen haben wenig
Interesse am technischen Studium“ feststellte:
“Das Interesse der Studienanfängerinnen konzentrierte sich in 2005 nach wie vor auf die
Fächergruppen Sprach- und Kulturwissenschaften mit einem Frauenanteil von 73% und
Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften (66%). In den Rechts-, Wirtschafts- und
Sozialwissenschaften (51%) war das Geschlechterverhältnis fast ausgeglichen.”
Inwieweit gerade der letzte Posten „Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“, innerhalb
dessen es mit hoher Wahrscheinlichkeit Geschlechterunterschiede zwischen den Fächern gibt,
einfach zusammengefasst wurden, lässt sich an dieser Stelle leider nicht nachvollziehen.
Indessen stellte die Europäische Union fest, dass „Frauen trotz der dargelegten eingeschränkten
Belastbarkeit und Einsatzbereitschaft im Vergleich zu Männern in fast jedem Beruf, den sie
gemeinsam mit männlichen Kollegen ausüben, identisch bezahlt werden.“
Auf die Diskrepanz ihrer eigenen Aussagen zum Gender Pay Gap kam das Bundesamt für Statistik
einige Jahre später schließlich selbst, indem es die eigenen Zahlen aus dem Jahre 2006 erneut
untersuchte und die Ergebnisse in einer Pressemitteilung vom 25. Oktober 2010 präsentierte:
“Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) auf Basis neuer Untersuchungen der
Verdienststrukturerhebung 2006 mitteilt, sind rund zwei Drittel des Gender Pay Gap auf strukturell
unterschiedliche arbeitsplatzrelevante Merkmale von Männern und Frauen zurückzuführen. Die
wichtigsten Unterschiede sind dabei die zwischen weiblichen und männlichen Arbeitnehmern
ungleiche Besetzung von Positionen sowie die zwischen den Geschlechtern unterschiedlich
ausfallende Berufs- beziehungsweise Branchenwahl. Darüber hinaus sind Frauen eher
teilzeitbeschäftigt und tendenziell schlechter ausgebildet.”
Wenn Männer sich zum Studium entschließen, promovieren und habilitieren sie darüber hinaus eher
als Frauen. Das ist Fortbildung. Das sind weiterführende Hochschulabschlüsse, die nicht mit
Diplom, Bachelor oder Magister in einen Topf geworfen werden sollten. Nebenbei bemerkt, kann man
Promotionen und Habilitationen nicht mit Professuren vergleichen, da erstere einmalige Ereignisse
sind, Professuren jedoch langjährige Inhaberschaften sind, die deren Freiwerden oder Schaffung
voraussetzen. Deshalb sind entsprechende Zahlenspiele und Vergleiche mit dem Tenor: „Immer mehr
Frauen promovieren und habilitieren, die Anzahl der Professorinnen ändert sich jedoch kaum“,
unsinnig.
Besser bezahlt
Man kann sich selbstredend darüber streiten, weshalb „Frauenberufe“ weniger gut bezahlt werden
als „Männerberufe“, doch ein Indiz könnte das bereits ausgeführte höhere Risiko und der höhere
Zeitaufwand sein, welche eher mit Männerberufen einhergehen. Männer legen auch längere Strecken
zur Arbeitsstelle zurück als Frauen.
Frauen bevorzugen offenbar Büroberufe, die mit ihren anderen Lebensbereichen kompatibel sind –
und dies könnte die nichtmonetäre Vergütung sein, welche Frauen dazu bringt, eher abzuwinken,
wenn ihnen jemals einer dieser zeitraubenden und anstrengenden Führungsposten angeboten würde.
Andersherum sind Frauen in Führungspositionen nicht per se die besten Chefs und Kolleginnen, da
die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht nichts über die Führungsqualitäten des Geschlechtsinhabers
aussagt.
Weshalb Frauen ansonsten weniger willens sind als Männer, sich Posten mit höherem Verdienst zu
erarbeiten, auch unter sonst gleichen Voraussetzungen, müsste ernsthaft geklärt werden. Weshalb
sie nicht anstreben, in anderen Männerberufen wie der Müllabfuhr oder Kanalreinigung tätig zu
werden, interessiert freilich keine Gleichstellungsbeauftragte.
Stattdessen werden heute noch dieselben Plattitüden wie vor dreißig Jahren stereotyp wiederholt.
Diese bringen jedoch offensichtlich keine nennenswerten Fortschritte (mehr) – wenn es diese
überhaupt geben soll – oder kann. Ist es denn möglich, dass das, was Gleichstellungsbeauftragte
und Bundesministerien von Frauen verlangen, von diesen gar nicht gewünscht wird? Dass die normale
Frau schon gleichberechtigt genug ist und gar nicht mehr haben will? Muss man sie dahinhieven
in die Führungsposition, in den Ingenieur- oder Informatikberuf, ins Kanzleramt (oh, da sitzt
ja schon eine)?
Weshalb Männer eher als Frauen bereit sind, sich in die Mühlen der Führungsposition zu begeben,
fragt schon gar keiner. Es scheint selbsterklärend, dass jemand nach Geld, Macht, zu viel Arbeit,
zu wenig Freizeit, zu wenig Kontakt zu Freunden und Familie sowie nach einem frühen Tod strebt,
während ihn die Witwe überlebt.
Veränderung des Bildes: Andere Perspektiven
So tritt ein eigenartiges Phänomen auf: Im öffentlichen Bewusstsein wird darauf geachtet, dass
Frauen nicht länger benachteiligt werden. Sie sollen arbeiten können, sie sollen Karriere machen
und werden gefördert. Trotz massiver Förderungen passiert allerdings recht wenig im Hinblick auf
Frauen und Karriere. Denn Frauen werden in dieser Perspektive immer noch als Opfer gesehen und
dazu ermutigt, sich weiterhin selbst als Opfer anzusehen. Es entsteht zum einen ein double-bind,
Karrierefrau und Opfer zugleich sein zu sollen. Zum anderen werden mögliche weitere Gründe für die
Unterrepräsentanz von Frauen nicht wahrgenommen. Frauen wird durch die Frauenbewegung und in Folge
auch zum Teil gesellschaftlich die Verantwortung für ihr Handeln, ihre Entscheidungen, ihr Leben
nicht auf der ganzen Linie zuerkannt, sondern „den Männern“ angelastet. Frauen entscheiden sich
für bestimmte Lebensformen, die sie feministischerseits nicht wollen sollen und sie erhalten
andererseits durch den patriarchalen Staat – feministisch gesehen: ihren Feind! – Rechte, ohne
die entsprechenden Pflichten tragen zu müssen.
Wenn wir demnach zumindest versuchsweise den Gedanken beiseite legen, dass Frauen grundsätzlich
benachteiligt sind, können andere Gründe für den Status quo der Verteilung der Geschlechter auf
unterschiedliche Lebensbereiche sichtbar werden. Zum Beispiel: Warum finden sich weniger Frauen
in hochgestellten Positionen? Warum wählen Frauen bestimmte Berufe und Männer andere Berufe? Wenn
diese Fragen auf eine andere Art als gewohnt beantwortet werden, lassen sich eventuell auch
Antworten darauf finden, warum Frauen andere Lebensschwerpunkte setzen als Männer und statt
Benachteiligung andere Gründe für Ungleichgewichte der Geschlechterverteilung in bestimmten
Lebensbereichen ausmachen.
Wenn wir zudem Frauen und Männern unterstellen, dass sie verantwortliche Entscheidungen für ihr
Leben treffen, dann können sie nicht mehr nur als Benachteiligte versus Bevorzugte gelten. Frauen
können ebenso von ihrer beruflichen Position in der zweiten Reihe profitieren wie Männer unter
ihrer beruflichen Position in der ersten Reihe leiden können. Und in anderen Lebensbereichen wie
beispielsweise Vater- oder Muttersein verteilen sich Vor- und Nachteile möglicherweise wiederum,
je nach Perspektive, ganz anders als herkömmlich gedacht.
Denn nicht unbedingt nur Lebenskonzepte, sondern auch präferierte Arbeitsstrukturen und
wahrgenommene Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten angemessen zu entfalten und den eigenen
Interessen nachzugehen, beeinflussen die Entscheidung für oder gegen die Karriere. Hinweise auf
die Kompatibilität mit den Lebenskonzepten geben allerdings in Interviews mit
Studienabsolventinnen und -absolventen gewonnene Aussagen wie „Befristung“, „Einschränkung
beruflicher Möglichkeiten“, „sinnvolle Tätigkeit“ und „Vereinbarkeit“. Das sind Faktoren, die
neben anderen für die Entscheidung gegen oder für die Karriere angeführt werden.
Ob diese These wahrer ist als die Thesen, welche renommierte Frauenforscherinnen und derzeit
Politikerinnen aufstellen, kann hier nicht entschieden werden. Allein, dass sie möglicherweise
auch wahr ist, sollte die Perspektive erweitern und nach anderen möglichen Interpretationen
bekannter Daten Ausschau halten lassen.
Sollen wir Männer benachteiligen?
Fest steht jedoch: Frauen, die Karriere machen wollen, können dies tun. Es stehen ihnen heutzutage
keine Barrieren im Wege, die nicht auch Männern im Wege stünden. Frauen haben mittlerweile in
einigen Führungspositionen sogar überproportional aufgeholt. Auch Frauen sind in der Lage,
Netzwerke zu etablieren und zu nutzen – eine prinzipiell geschlechtsunabhängige Methode,
Karriere zu machen.
Schließlich steht das Argument der angeblich besser vernetzten Männer
im Gegensatz zu den angeblich besseren sozialen Kompetenzen von Frauen. Wenn Frauen so super mit
anderen Menschen können, weshalb sollen sie sich nicht vernetzen können, wenn es um die Arbeit
geht?
Wären Frauen also tatsächlich die billigeren Arbeitskräfte bei selber Qualifikation und mit
besseren sozialen Fähigkeiten, würde doch jeder Unternehmer sie mit Kusshand einstellen und
diese teuren, emotional rückständigen Männer sofort davonjagen.
Die Tatsache, dass Frauen wenig Interesse zeigen, sich in höhere verantwortliche Sphären der
Gesellschaft zu begeben, dürfte sich mittels einer Frauenquote zwar eventuell verändern lassen.
Interessant ist auch, dass gerade jene Frauen, die es ohne Frauenquote geschafft haben, nun
anderen Frauen dazu verhelfen wollen, ihre eigenen hart erkämpften Posten recht mühelos zu
gewinnen. Zu fragen ist allerdings: Wollen wir das? Wollen wir Frauen, die sich ihre hohe Position
nicht ebenso hart erkämpfen mussten wie ihre Kolleg(inn)en? Die vielleicht weniger qualifiziert
sind, die vielleicht allein aufgrund ihres Geschlechts und ihres damit verbundenen, vermeintlichen
Opferstatus’ in diese Position aufrückten? Wollen wir von ihnen regiert, geführt und unterrichtet
werden?
Wollen wir zu diesem Zwecke Männer benachteiligen, wie Norbert Bolz treffend feststellt?
Ohne zu berücksichtigen, dass es andere benachteiligte Gruppen in unserer Welt gibt, die ebenfalls
der Förderung bedürften?
Also...
Frauenrechte gibt es genug, so mein Plädoyer. Dank den Pionierinnen des Feminismus sind
Frauenrechte in Deutschland selbstverständlich. Benachteiligungen werden jedoch allerorten und
allerseits gebetsmühlenartig weiterhin behauptet. Dabei werden Frauenrechte weidlich genutzt, zum
Teil missbraucht, zum Teil ignoriert. Im internationalen Vergleich lebt bei uns hier in
Deutschland die Durchschnittsfrau kuscheliger als der Durchschnittsmann. Will sie nicht arbeiten,
wird sie Hausfrau und/oder Mutter. Das darf sie, das ist gesetzlich legitimiert, das zahlt schon
irgendeiner.
Wer hierzulande Frauen weiterhin als Opfer sieht und verkauft, übersieht dabei, dass sie vielfach
eben nicht wollen, was sie wollen sollen. Statt vom Staat und Arbeitgebern zu fordern, sie mögen
Frauen fördern und ihnen die Pöstchen hinterhertragen, sollten wir von den Frauen selbst
vielleicht sogar mehr fordern, sie in die Pflicht, in die Verantwortung nehmen.
Es gibt eben Anforderungen des Arbeitsmarktes – Arbeitgeber wollen und müssen gegen konkurrierende
Arbeitgeber – und Nationen – bestehen.
Die Bedingungen des Arbeitsmarktes in Frage zu stellen und diese gegebenenfalls
menschenfreundlicher zu gestalten, ist eventuell notwendig oder wenigstens wünschenswert. Aber
ein Unternehmen kann nicht funktionieren, wenn es zu viele Rücksichten auf die vermeintlich
Schwächsten nimmt. In anderen Ländern, in der ehemaligen DDR geht und ging es auch: Frauen haben
gearbeitet und arbeiten wie Männer. Ohne Sonderrechte, sondern als gleichwertige Mitglieder der
Erwerbswelt.
Jedes Geschlecht hat sein eigenes Päckchen zu tragen, ebenso wie jeder Vertreter eines sozialen
Status, einer Alterskohorte oder einer Nationalität. Letztlich sind andere Personenkreise weitaus
mehr benachteiligt als Frauen, wenn es um den Zugang zu Bildung oder zur gesellschaftlichen
Teilhabe geht und Frau ist nicht gleich Frau.
Und schließlich haben sämtliche Pisa- und OECD-Studien gezeigt, dass (nicht nur) in Deutschland
vor allem die soziale Herkunft darüber entscheidet, welche Lebenschancen ein Kind erhält.
Kurz: Neue Interpretationen braucht das Land!
Zur Autorin:
Fiona Lorenz promovierte ohne jegliche Frauenquote zum Thema „Lebensraum Universität.
Lebenskonzepte von Hochschulabsolventinnen und -absolventen.“; DUV 2004. Sie befragte für die
Arbeit 35 männliche und weibliche Universitätsabsolventen und kam zu mitunter überraschenden
Ergebnissen.
Fußnoten:
Aufsätze:
Rezensionen: